Zum Hauptinhalt springen

Darm-Hirn-Achse: Wenn der Bauch mehr mitzureden hat, als wir lange dachten

Manche Zusammenhänge bemerken wir lange, bevor wir sie wissenschaftlich erklären können. Vor einem wichtigen Termin ist plötzlich der Appetit verschwunden. In angespannten Phasen reagiert der Darm empfindlicher. Eine schlechte Nachricht kann buchstäblich auf den Magen schlagen. Und manchmal fühlt man sich an einem Tag, an dem der Bauch nicht mitspielt, insgesamt weniger belastbar.

Solche Erfahrungen sind so alltäglich, dass sie Eingang in unsere Sprache gefunden haben. Wir sprechen vom Bauchgefühl, von Schmetterlingen im Bauch oder davon, dass uns etwas auf den Magen schlägt. Medizinisch galt die Verbindung zwischen Psyche und Verdauung lange vor allem als eine Richtung: Das Gehirn beeinflusst den Darm.

Heute wissen wir, dass das Bild erheblich komplexer ist. Darm und Gehirn kommunizieren miteinander – und zwar in beide Richtungen.

Diese Verbindung wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Sie gehört derzeit zu den besonders intensiv untersuchten Bereichen der Mikrobiomforschung. Gleichzeitig ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie schnell aus faszinierender Wissenschaft sehr einfache Gesundheitsversprechen entstehen können.

Zwischen Bauch und Gehirn gibt es nicht nur eine Leitung

Wer von der Darm-Hirn-Achse hört, denkt häufig zuerst an den Vagusnerv. Tatsächlich spielt dieser große Nerv bei der Kommunikation zwischen inneren Organen und Gehirn eine wichtige Rolle. Er ist aber nur ein Teil eines wesentlich größeren Systems.

Auch das enterische Nervensystem des Verdauungstraktes, das autonome Nervensystem, hormonelle Signalwege und das Immunsystem sind beteiligt. Hinzu kommen Stoffwechselprodukte, die im Darm entstehen. Und damit rückt ein weiterer Akteur ins Zentrum der Forschung: unser Mikrobiom.

Im Darm leben Billionen Mikroorganismen. Sie helfen nicht nur dabei, Bestandteile unserer Nahrung zu verarbeiten. Durch ihren Stoffwechsel entstehen verschiedene Substanzen, darunter kurzkettige Fettsäuren, die mit biologischen Prozessen des Körpers in Wechselwirkung treten können. Gleichzeitig kann sich umgekehrt auch unser körperlicher und psychischer Zustand auf den Verdauungstrakt auswirken.

Stress ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Dass Belastung Verdauungsbeschwerden verstärken kann, ist keineswegs eingebildet. Nervensystem, Stresshormone, Darmbewegung und Wahrnehmung können sich gegenseitig beeinflussen.

Spannend wird es dort, wo die Forschung die andere Richtung untersucht: Welche Auswirkungen können Veränderungen im Darm und im Mikrobiom auf Prozesse haben, die für das Gehirn relevant sind?

Dr. Gabriele Wöhnke warnt gerade bei dieser Frage vor zu einfachen Antworten: „Wir sollten die Darm-Hirn-Achse weder unterschätzen noch überschätzen. Dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, ist gut belegt. Welche Bedeutung einzelne Veränderungen des Mikrobioms für Stimmung oder psychische Erkrankungen haben, ist dagegen wesentlich schwieriger zu beantworten.“

Genau diese Unterscheidung ist entscheidend.

Denn zwischen dem Nachweis eines biologischen Kommunikationsweges und der Behauptung, wir könnten unsere Stimmung mit bestimmten Darmbakterien gezielt steuern, liegt wissenschaftlich ein beträchtlicher Abstand.

Warum das Serotonin-Argument so verführerisch ist

Kaum ein Satz über die Darm-Hirn-Achse verbreitet sich so erfolgreich wie die Behauptung, ein sehr großer Teil unseres Serotonins werde im Darm gebildet.

Der Kern dieser Aussage ist richtig. Der überwiegende Teil des körpereigenen Serotonins befindet beziehungsweise entsteht außerhalb des Gehirns, insbesondere im Magen-Darm-System. Daraus wird jedoch häufig eine spektakuläre Schlussfolgerung gezogen: Wenn Serotonin als „Glückshormon“ bezeichnet wird und so viel davon im Darm entsteht, müsse unsere Stimmung folglich maßgeblich dort produziert werden.

So funktioniert unser Körper nicht.

Das im Darm gebildete Serotonin gelangt nicht einfach durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn, um dort unsere Stimmung anzuheben. Serotonin erfüllt im Körper unterschiedliche Aufgaben. Im Verdauungssystem ist es beispielsweise an der Regulation verschiedener Darmfunktionen beteiligt. Das serotonerge System des Gehirns muss davon unterschieden werden.

Das bedeutet nicht, dass Darm und serotonerge Signalwege nichts miteinander zu tun hätten. Gerade Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Mikrobiom, Stoffwechsel und verschiedenen Vorstufen und Signalwegen werden wissenschaftlich untersucht. Nur lässt sich daraus nicht die Gleichung „mehr gutes Darmserotonin = bessere Stimmung“ machen.

Ähnlich vorsichtig sollten sogenannte Psychobiotika betrachtet werden. Gemeint sind bestimmte Mikroorganismen, denen mögliche Wirkungen auf psychische Funktionen zugeschrieben werden. Es gibt hierzu interessante Studien und Hinweise, unter anderem im Zusammenhang mit Stress oder depressiven Symptomen. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch je nach untersuchtem Bakterienstamm, Kombination, Dosierung, Studiendauer und untersuchter Personengruppe.

Ein beliebiges Probiotikum aus dem Regal wird deshalb nicht dadurch zum Mittel für die Psyche, dass auf der Verpackung mit der Darm-Hirn-Achse geworben wird.

Aus faszinierender Forschung darf keine einfache Selbstdiagnose werden

Vielleicht ist das momentan die wichtigste Botschaft rund um die Darm-Hirn-Achse. Wir sollten ihre Bedeutung ernst nehmen, ohne aus ihr eine Erklärung für jedes gesundheitliche Problem zu machen.

Nicht jeder Blähbauch bedeutet, dass das Mikrobiom „aus dem Gleichgewicht“ geraten ist. Nicht jede schlechte Stimmung beginnt im Darm. Und psychische Erkrankungen lassen sich nicht auf einige vermeintlich fehlende Darmbakterien reduzieren.

Genauso wenig gibt es derzeit ein allgemein definiertes ideales Mikrobiom, das jeder Mensch erreichen müsste. Die Zusammensetzung unserer Darmflora ist individuell und wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst – von Ernährung und Medikamenten bis zu Alter und Lebensumständen.

Eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Ernährung, Bewegung und ein insgesamt gesundheitsfördernder Lebensstil sind vernünftige Grundlagen. Sie sind aber etwas anderes als die Vorstellung, den Darm innerhalb weniger Tage „resetten“ oder gezielt mit einzelnen Produkten optimieren zu können.

Wer länger anhaltende oder ungewöhnliche Magen-Darm-Beschwerden hat, sollte diese nicht allein mit einer vermeintlich gestörten Darmflora erklären. Ebenso gehören anhaltende psychische Beschwerden medizinisch ernst genommen und entsprechend abgeklärt. Die Darm-Hirn-Forschung kann etablierte Diagnostik und Behandlung ergänzen und möglicherweise zukünftig neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen. Sie ersetzt sie nicht.

Vielleicht sollten wir deshalb ausgerechnet bei diesem modernen Forschungsgebiet wieder auf eine sehr alte Beobachtung zurückkommen.

Der Mensch besteht nicht aus voneinander unabhängigen Organen. Was im Gehirn geschieht, kann Auswirkungen auf den Bauch haben. Und was im Verdauungssystem geschieht, bleibt möglicherweise nicht ohne Signale an den Rest des Körpers.

Die Vorstellung vom „Bauchgefühl“ bekommt damit eine neue wissenschaftliche Dimension.

Doch Wissenschaft bedeutet auch, unterscheiden zu können zwischen dem, was wir bereits wissen, dem, was derzeit intensiv erforscht wird – und dem, was sich lediglich besonders gut verkaufen lässt.

Dass Darm und Gehirn miteinander sprechen, wissen wir inzwischen ziemlich sicher.

Was sie sich alles zu sagen haben, beginnen wir gerade erst zu verstehen.

  • Aufrufe: 37