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Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente: Warum „natürlich“ nicht automatisch harmlos bedeutet

Magnesium gegen Muskelkrämpfe, Eisen bei Müdigkeit, Calcium für die Knochen, Biotin für Haare und Nägel oder ein pflanzliches Präparat für mehr Wohlbefinden: Nahrungsergänzungsmittel sind für viele Menschen längst selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Fragt man dieselben Menschen jedoch nach ihren Medikamenten, werden diese Produkte häufig nicht erwähnt.

Das ist nachvollziehbar. Schließlich sind Nahrungsergänzungsmittel rechtlich keine Arzneimittel, sondern Lebensmittel. Medizinisch ist die Trennung jedoch weniger eindeutig. Denn auch Vitamine, Mineralstoffe und Pflanzenextrakte enthalten biologisch wirksame Substanzen. Treffen sie im Körper auf Arzneimittel, können daraus Wechselwirkungen entstehen.

Nicht jede Wechselwirkung macht Beschwerden

Bei einer Wechselwirkung denken viele zunächst an Nebenwirkungen: Übelkeit, Schwindel, Hautreaktionen oder andere unmittelbar spürbare Beschwerden. Doch das eigentliche Problem kann viel unauffälliger sein.

Bestimmte Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium oder Eisen können beispielsweise die Aufnahme einzelner Arzneistoffe im Magen-Darm-Trakt beeinträchtigen. Das ist unter anderem bei Levothyroxin relevant, das zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion eingesetzt wird. Auch bei bestimmten Antibiotika können Mineralstoffe die Aufnahme vermindern.

Der Patient fühlt davon zunächst möglicherweise gar nichts. Er nimmt sein Medikament genauso zuverlässig wie bisher – und trotzdem kann weniger Wirkstoff im Körper ankommen als vorgesehen.

Genau deshalb ist die Frage nach dem Einnahmezeitpunkt so wichtig. In manchen Fällen genügt ein ausreichender zeitlicher Abstand zwischen Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel. Welche Abstände erforderlich sind, hängt jedoch vom jeweiligen Arzneimittel und Präparat ab. Pauschale Regeln helfen hier wenig.

Auch ein Vitamin kann medizinisch relevant werden

Ein besonders anschauliches Beispiel ist Biotin. Es wird häufig in Produkten für Haare, Haut und Nägel angeboten und vermittelt zunächst kaum den Eindruck einer Substanz, die bei einer medizinischen Untersuchung eine Rolle spielen könnte.

Höher dosiertes Biotin kann jedoch bestimmte Laborverfahren beeinflussen. Dadurch können Untersuchungsergebnisse verfälscht werden. Das Problem liegt dann nicht darin, dass sich der Gesundheitszustand durch das Biotin entsprechend verändert hätte, sondern darin, dass die Messung gestört werden kann.

Wer vor einer Blutuntersuchung nach seinen Medikamenten gefragt wird, sollte deshalb auch Nahrungsergänzungsmittel nennen.

„Pflanzlich“ ist keine Garantie für Wechselwirkungsfreiheit

Ähnliches gilt für pflanzliche Präparate. Die Vorstellung, eine natürliche Herkunft bedeute automatisch eine besonders sanfte oder risikofreie Wirkung, ist medizinisch nicht haltbar.

Pflanzliche Inhaltsstoffe können Stoffwechselenzyme und Transportmechanismen beeinflussen und dadurch die Konzentration gleichzeitig eingenommener Arzneistoffe verändern. Entscheidend sind dabei immer die konkrete Substanz, ihre Dosierung und die übrige Medikation.

Das bedeutet keineswegs, pflanzliche Produkte grundsätzlich abzulehnen. Es bedeutet lediglich, sie genauso ernst zu nehmen wie andere Substanzen, die wir unserem Körper zuführen.

Das Problem beginnt häufig schon bei der Medikamentenliste

Aus ärztlicher Sicht ist deshalb eine scheinbar nebensächliche Information ausgesprochen wichtig: Was nimmt der Patient tatsächlich alles ein?

Nicht nur die verordneten Medikamente. Nicht nur die gelegentliche Schmerztablette. Sondern auch Magnesium, Eisen, Vitamine, Pflanzenextrakte und Kombinationspräparate aus Apotheke, Drogerie oder Internet.

Denn der Körper unterscheidet nicht danach, in welcher Produktkategorie etwas verkauft wurde.

Gerade Menschen, die mehrere Arzneimittel dauerhaft einnehmen, sollten deshalb eine vollständige Übersicht führen. Nahrungsergänzungsmittel gehören darauf ebenso wie regelmäßig verwendete frei verkäufliche Arzneimittel.

Dabei geht es nicht darum, eigenmächtig Präparate abzusetzen. Vielmehr sollte geprüft werden, ob eine Kombination sinnvoll ist, ob ein Einnahmeabstand erforderlich ist oder ob möglicherweise eine unnötige Doppelversorgung besteht.

Arzt und Apotheke brauchen das vollständige Bild

Dr. Gabriele Wöhnke empfiehlt deshalb, Nahrungsergänzungsmittel bei Arztbesuchen nicht als unwichtige Zusatzinformation zu betrachten. Besonders bei neuen Medikamenten, veränderten Laborwerten oder unerwarteten Beschwerden sollte die gesamte Einnahmesituation berücksichtigt werden.

Auch die Apotheke spielt dabei eine wichtige Rolle. Apotheker können Wechselwirkungen prüfen, Einnahmezeitpunkte beurteilen und erkennen, wenn sich verschiedene Präparate in ihren Inhaltsstoffen überschneiden.

Vielleicht ist deshalb eine kleine sprachliche Veränderung sinnvoll. Statt Patienten lediglich zu fragen:

„Welche Medikamente nehmen Sie?“

könnte die entscheidendere Frage lauten:

„Was nehmen Sie regelmäßig ein?“

Denn erst dann entsteht das vollständige Bild, das für eine sichere Arzneimitteltherapie benötigt wird.

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